Eine Biographie über eine historische Persönlichkeit klingt zunächst nach schwerer Kost. Um euch einen tieferen Einblick in das Werk zu geben und um den Autor etwas genauer unter die Lupe zu nehmen, lud ich ihn zum Interview. Er stand mir ausführlichst Rede und Antwort und daran möchte ich euch nun teilhaben lassen:-)

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1. Gottfried Benn ist für viele Lesefreunde ein bekannter Name. Trotzdem ist Gottfried Benn nicht unbedingt der Autor, dessen Werke ein Lesebegeisterter zuerst aus dem Regal ziehen würde. Woher kommt die Begeisterung bei Ihnen, sich mit diesem Autor so sehr auseinander zusetzen, dass Sie ein ganzes Werk über diese Persönlichkeit geschrieben haben?

Es beginnt mit einer Anekdote: Mein Doktorvater, der vor einigen Jahren gestorbene Jörg Drews, erzählte gern und oft über die Nachkriegszeit, über die fünfziger und frühen sechziger Jahre, die Adenauer-Zeit, die muffig und verlogen gewesen sei – die Literatur, weitgehend brav & angepasst. Nur zwei Schriftsteller seien in dieser Zeit aus dem Rahmen des herrschenden Konsens gefallen: Arno Schmidt und Gottfried Benn. Was Arno Schmidt anging, so verstanden wir uns auf Anhieb gut – ich hab’ dann ja auch über Schmidt promoviert. Mit Benn jedoch, ich gebe es zu, hatte ich damals – Ende der achtziger Jahre – doch so meine Schwierigkeiten. Und auch Jörg Drews, ich erinnere mich genau, geriet in Erklärungsnöte, denn politisch war ihm dieser Dichter hoch suspekt: Benns Allianz mit den Nationalsozialisten, sein bemerkenswerter Wiederaufstieg nach dem Krieg, ein Wiederaufstieg, der von keinem Schuldbewusstsein getrübt war, das machte den Dichter in den Augen des kritischen Literaturwissenschaftlers nicht gerade zum Sympathieträger. Trotzdem hielt er unbeirrt und unbeirrbar an Benn fest – politisch und persönlich, ein schwieriger Fall, aber die Sprache, die Wortkunst, der unnachahmliche Duktus seiner Lyrik, darin, so meinte Drews, lag seine wahre Größe, die alles andere überstrahlte und in den Schatten stellte.

2. Das Buch ist unheimlich informativ. Sicher geht es hauptsächlich um Gottfried Benn und sein Leben, aber auch andere Autoren und deren Leben werden thematisiert. Wie lange haben Sie an diesem Werk gearbeitet und wie lange dauerte die Recherche?

Angefangen habe ich im Frühjahr 2014 – mit einem Exposé, das ich dem Verlag präsentiert habe. Thematisch war die Geschichte zu dieser Zeit – so ist das halt am Anfang eines Projekts – noch etwas anders ausgerichtet. Das Schwergewicht lag zunächst auf Thea Sternheim und ihrer Tochter Mopsa. Angeregt hatte mich Thea Sternheims monumentales Tagebuch – ein großartiges Zeitdokument, das zwei Drittel des 20. Jahrhunderts umfasst, nämlich die Jahre 1903 bis 1971. Dann entdeckte ich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach, dass auch die Tochter, Mopsa, über viele Jahre ein Tagebuch geführt hat – bis heute noch unveröffentlicht. Beide Tagebücher sind, von der Herangehensweise und vom Stil her, völlig unterschiedlich: Thea Sternheim bemüht sich in ihren Aufzeichnungen um Objektivität und Sachlichkeit – Mopsa Sternheim schreibt direkt, impulsiv; ihr Blick richtet sich nicht so sehr nach außen, sie seziert ihr eigenes Ich und neigt zur Selbstentblößung – das ist nicht immer leicht zu lesen. Mopsa Sternheim gehörte zu den „Dichterkindern“, sie war, wie Klaus Mann, mit einem großen, erfolgreichen Vater konfrontiert. Und wie Klaus Mann wollte auch sie sich künstlerisch betätigen, aber wie und was? Sie suchte ein ‚passendes Leben’ – dann traf sie Benn, mit dem sie eine kurze Affäre hatte, eine Affäre, von der sie zeitlebens nicht loskam; sie spricht später von „einer Art Gehirnvergiftung“. 2014/2015 war ich mehrfach in Marbach und habe im Deutschen Literaturarchiv recherchiert, insbesondere in den Nachlässen von Sternheim und Benn. Ich liebe die Recherche, weil man sich hier ein wenig als Entdecker fühlen kann. Die Neugier ist ein wesentliches Motiv meiner Arbeit, sie ist nicht unbedingt immer zielgerichtet, führt mich manchmal weit ab vom Thema, das sind dann aber die eigentlich produktiven, glücklichen Momente. Wenn ich mit dem Schreiben anfange, ist viel – nicht alles! – gelaufen, es ist eine Pflichtaufgabe, sie langweilt mich zuweilen. Wie immer hat die Recherche, auch bei diesem Projekt, am meisten Zeit ‚gekostet’ – ich gehe viele Umwege, darin aber besteht der Reiz.

3. Sie waren als Dozent für Literaturwissenschaften in Bamberg und Bayreuth tätig. Nun leben Sie in Andalusien. Was war der Grund Ihrer Auswanderung und gehören Sie nun zu der Minderheit an Schriftstellern, die sich ihr Geld nur mit dem Schreiben erarbeiten?

Für den Ortswechsel gab es in erster Linie finanzielle Gründe. Die Lebenshaltungskosten in Bamberg und Bayreuth sind hoch, im Vergleich zu anderen, mittelgroßen Städten, wie ich finde, unverhältnismäßig hoch – und wenn man dann noch, wie ich, ein Liebhaber der Randlagen ist, wird man im Frankenland nicht so leicht glücklich. Der Job als Dozent, hat mich zwar über Jahre glücklich gemacht, weil ich den Studentinnen und Studenten sehr viel Anregungen und Ideen verdanke, sie haben mich intellektuell in Bewegung gebracht, doch man verdient bekanntlich herzlich wenig – und das ist auf die Dauer etwas frustrierend. Im andalusischen Bergland ist das Leben (noch) nicht so kostspielig – man kommt mit sehr viel weniger aus, freilich, es ist vielleicht etwas weit weg, aber wie heißt es so schön: „Weit von wo“. Und natürlich gibt es auch hier einen Internet-Anschluss – die Leitung ist nicht so stabil wie in Bamberg, aber viele Sachen lassen sich ja auch noch am nächsten Tag erledigen – ma ӣ ana
Außerdem, der nächste, größere Flughafen ist eine Stunde entfernt – und die Fahrkarte kostet oft weniger als eine Bahnfahrt zweiter Klasse von Bamberg nach München. Natürlich – das Geld ist wichtig, nicht verschweigen möchte ich aber, dass ich ein Liebhaber des Südens bin: Ich mag die Hitze und das trockene Land – vor allem aber lebe ich gern in dem Gefühl ‚woanders’ zu sein. Vom Bücherschreiben allein, könnte ich nicht leben; ich arbeite daneben als Editor, zum Beispiel an der Georg Groddeck-Werkausgabe – und als Zubrot, gar nicht zu unterschätzen, die Rezensionen.

4. Nun kommen wir zu einer doppelten Frage. Welchen Auslöser gab es ein Werk über Gottfried Benn zu schreiben und was war Ihnen wichtig dem Leser über diesen Autor mitzuteilen?

Man sah Benn als Künstlerexistenz – und man entschuldigte alle seine ‚Marotten’ und Obsessionen, ob es sich nun um Politik, Frauen, Sex oder sein egomanisches Wesen handelte, mit der hohen Kunst, die dabei herauskam. Ja, mehr noch, was den exzessiven ‚Verschleiß’ des Dichters an Frauen anging, so sah man darin den notwendigen ‚Input’ zur Freisetzung dichterischer Kreativität. Künstler ‚brauchen’ das Abenteuer, sie sind eben nicht monogam wie der Spießer – darauf bildete sich Benn selbst eine Menge ein. Er glaubte, seine Promiskuität, das rücksichtslose Ausleben seiner Triebe, sei ein Zeichen einer antibürgerlichen Haltung, einer konstitutionellen Unangepasstheit, mit der er gerne renommierte. Diese Problematik interessierte mich, die Frage, die mich bewegte, war ganz einfach: Kann man ein großer Künstler sein und politisch und als Mensch versagen? Das war das eine Motiv, ein anderes, sehr viel konkreteres Motiv, hat mit der Benn-Forschung zu tun, die bis heute weitgehend der Auffassung ist, dass der Dichter nur Anfang der dreißiger Jahre Sympathien mit dem Nationalsozialismus entwickelt hat. In seinen expressionistischen Anfängen sei Benn dagegen ein ‚Linker’ gewesen, der sich kritisch und subversiv gebärdet hätte. In der Tat hat sich Benn selbst so gesehen, er nahm, wie viele seiner Freunde und Kollegen aus der expressionistischen Bewegung, eine Haltung ein, die heute wieder modern ist, eine Haltung, die sich gegen das Establishment richtete, das man verachtete und verhöhnte. Man gehörte zwar zum Bürgertum, gefiel sich aber in der Pose des Anti-Bürgers, der die Spießer-Kultur hasste. Benn träumte als junger Mann von Umsturz und einer neuen Welt. Als er dann in den frühen dreißiger Jahren die Nazis wahrnahm, glaubte er, diese neue Welt sei nun angebrochen und sein Jugendtraum würde in Erfüllung gehen – die Nazis verstanden sich ja als Jugendbewegung, als radikale Modernisierer, dieser Habitus gefiel Benn. Das Buch ist im eigentlichen Sinn keine Benn-Biographie – jedenfalls lag das nicht in meiner Absicht. Der Literaturkritiker Eberhard Falcke sprach jüngst in einer Rezension sehr schön und treffend von einem „Gruppenbild mit Gottfried Benn“. Genau das war meine Intention. Die Person Benn sollte in bestimmten Beziehungskonstellationen gezeigt werden.
Eine wichtige Rolle spielt dabei Thea Sternheim, die zweite Frau des expressionistischen Dramatikers Carl Sternheim, und deren Tochter Dorothea, genannt Mopsa. Beide Frauen waren von Benn fasziniert, von seiner Person, vor allem aber von seinen Versen. So sehr sie zuweilen Distanz zur Person suchten, von der Sprache kamen sie, wie viele, nicht los, sie wirkte wie ein Bann aus dem sie sich zeitlebens nicht befreien konnten. Wenn ich sage ‚Bann’, dann klingt das negativ, nach Unterwerfung, aber diese Beziehung, die im Duktus der Verse wurzelte, hatte für beide Frauen etwas ungemein Belebendes, Vitalisierendes, die Verse stellten, so merkwürdig es zunächst klingt, sinnliche Nähe her, ein erotisches Versprechen. In den sozialen Medien kursiert ja zur Zeit ein modischer Begriff dafür: Sapiosexualität, man liebt die Intelligenz und fühlt sich weniger von der äußerlichen Attraktivität angezogen. Im Grunde ein altbekanntes Phänomen – man denke nur an das schöne Versdrama „Cyrano de Bergerac“. Nun, Benn hatte keine riesige Nase, aber er war, rein äußerlich, auch nicht besonders attraktiv, mit seiner Dichtung vermochte er jedoch, da gleicht er dem Titelheld Cyrano de Bergerac, die Damen zu verzaubern und zu bestricken. Im Buch geht es um diese Faszination, der ja, was Benn betrifft, nicht nur Frauen erlegen waren…

5. Darf sich der Leser Ihrer Werke auf zukünftige Arbeiten freuen?

Mein neues Projekt heißt „Fünf Frauen“, es ist angesiedelt in der Weimarer Republik, es geht um die medienwirksam in Szene gesetzte „Neue Frau“ – die aus einer Mischung von Realität und Fiktion bestand. „Fünf Frauen“, das ist auch eine Geschichte über die sogenannte Weimarer Modernität. Häufig stehen heute ja die negativen Phänomene dieser Zeit im Vordergrund: das Unbehagen an der Moderne, die Zerstrittenheit der Parteien, die Rhetorik des Hasses und der Populismus. Doch in der kurzen Stabilisierungsphase zwischen 1924 und 1929 war die Weimarer Republik auch ein Beispiel für eine offene Gesellschaft, für Modernität. Daran gilt es anzuknüpfen…

Herzlichen Dank an Wolfgang Martynkewicz:-)

 

 

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6 Gedanken zu “Wolfgang Martynkewicz: Tanz auf dem Pulverfass Teil 2-Interview

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