Nachts, auf dunklen Straßen, wenn der Geräuschpegel anfängt zu steigen. Es wird vermutet, dass die Straßen nachts, still und ruhig sind, aber die Straßen haben nachts ihre eigenen Geräusche, ihre nächtlichen Klänge und Töne.

Sie singen ihre Lieder aus der Dunkelheit und ich wiege mich schlaflos in den Melodien. Dann erzählen sie vom Tag, ihrem Tag. Dem Tag des Regens, dem Tag voller Sonnenschein, aber hauptsächlich erzählen sie von den Menschen. Den Schönen, den Reichen, den Unglücklichen und den Glücklichen und den Armen. Eben von jedem Menschenbild, das tagsüber den grauen Asphalt bewandert. Ich höre ihre Worte, ihre Zeilen, ihre Geschichten.
Rote Autos, blaue Autos und hupende Mopeds. Alles war heute da, sagen sie. Kinder, Alte und Kinderwagenräder, die ihr grau als roten Teppich nutzten. Auch von mir, haben sie mir erzählt, dass ich sie kaum beachtet habe, einfach über sie hinweggestampft bin, auf hohen Hacken und schnell zu Fuß. Sie haben mich recht wohl beachtet. Meine schwarzen Schuhe, das schwarze, luftig-leichte Sommerkleid, die schwarze Handtasche und den neuen, schwarzen Ring am linken Mittelfinger. Ein Skarabäus, umschmeichelt von Silber. Ein Geschenk meiner Mutter. Ein Glücksbringer, meinte sie. Eine eigenartige Vorstellung, dass ein Mistkäfer Glück bringen soll, aber angeblich gilt er als Symbol der Schöpferkraft. Der kleine Käfer hat damals im alten Ägypten wohl auch während des Nilschlamms, als der Nil nicht mehr voller Wasser war, für Vermehrung gesorgt, weshalb davon ausgegangen wurde, dass er sich auch ohne Fortpflanzung vermehrt. Es ist mir ein Rätsel, wie Menschen auf derartige Gedanken kommen.
Die nächtlichen Straßen vor meinem Haus haben mir die Geschichte erzählt. Sie sind viel älter und viel weiser, wie sie meinten und das sind sie wohl. Die Geschichte von Re und seiner Fahrt über den Himmel. Ein Käfer, der Dungkugeln vor sich hinrollt, stellt einen Bezug dar zu einem Sonnengott? Scheint mir nicht ganz nachvollziehbar, allerdings sind Kakerlaken wohl auch gegen Atomwaffen immun. Auch dies scheint mir weit hergeholt. Doch wer könnte das wohl nachprüfen, wenn es doch mal soweit kommt?
Manchmal liegt das Häßliche und Skurrile doch recht nah am Schönen und Wertvollem. Vielleicht besteht auch beides einfach nur dadurch, dass das andere besteht? Was die Straßen mir da verraten wollten oder offenbaren wollten, blieb ihr Geheimnis in dieser Nacht. Ich kann nur spekulieren oder von etwas ausgehen. Vielleicht war es ganz einfach auch genau nur das. Ein Schatten entsteht nur, wenn es irgendwo Sonne gibt und auch aus den schlimmsten Erfahrungen kann etwas Prachtvolles und Wunderschönes entstehen. Vielleicht wollte mir meine Mutter einfach nur latent sagen, dass mein Leben nun doch schön ist und vielleicht auch einfach nur, weil es solange häßlich war. Vielleicht sehe ich die Sonne nun etwas klarer, die damals den Schatten geworfen hatte, der vor meinen Augen erschien, bevor ich irgendwann den Mut hatte mich umzudrehen und der Sonnenschein die Dunkelheit vergraulte.

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7 Gedanken zu “Skarabäus

  1. Wenn du das Schöne von ihrem Gegenteil vollkommen trennst, verliert es völlig an Bedeutung. Abgesehen davon: ist das nicht möglich. Deswegen sind KünstlerInnen im Grunde Alchemisten: sie verwandeln einen Stein in Gold. Oder, und das sind dann die am höchsten fortgeschrittenen Alchemisten: in ein fühlendes Herz. Schön geschrieben, und bewahre dir deines. Herzlich! Aus Wien.

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  2. Ohne Polaritäten wäre das Leben recht fad 😉 Vielleicht sind wir dann Engel – oder Dämonen. Beide verkörpern je einen Pol und bedingen sich doch gegenseitig. Wir jedenfalls tragen stets beides in uns, sind von unserem Schöpfer mit allem ausgestattet worden, was zum überleben hier auf Erden nötig ist. Konnte der vielleicht nicht ahnen, was wir damit anstellen …

    Symbole und Symbolik … sind so alt wie die Menschheit. Sie sollen uns erinnern, an das, was uns wichtig ist. Sie sind manchmal widersprüchlich, manchmal skurril, aber immer Kinder ihrer Zeit. Selbst das Kreuz an der Kette um meinem Hals.

    Wenn Straßen reden könnten … hier im Tal der Wupper schaue ich immer gebannt, wenn mal wieder irgendwo eine Baustelle ist und uralte Pflastersteine zum Vorschein kommen. Wenn die reden könnten, ja. So wie die über 100 Jahre alten Häuser hier im Quartier. Geschichte ist spannend und lehrreich.

    Grüße & guten Morgen !

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