Ja, es ist seltsam dich so zu hören. Deine Stimme am Telefon, bei Nacht.

Sie ist mir so vertraut, so nah und doch so fern und weit weg. Weit weg von mir und all meinem Alltag und meinen täglichen Sorgen. Diese paar Minuten bist du da und hier und bei mir. Diese paar Minuten gehört deine Stimme nur mir, aber nicht du. Und ich wünschte ich könnte dich sehen, wie du so am Telefon mit mir sprichst und redest. Ich wünschte, ich könnte sehen, was du tust, während du mir für ein paar Minuten deine Stimme schenkst. Ich kann nur hören, was du sagst und was du sprichst, nicht sehen, was du machst, nicht sehen, was du tust. Vielleicht starrst du gelangweilt aus dem Fenster oder beobachtest eine hübsche Nachbarin beim Yoga oder malst mit Bleistift kryptische Zeichen auf weisses Papier. Ich bin nicht da und doch irgendwie bei dir. Ich kann dich hören, aber nicht sehen, nicht riechen, nicht fühlen, nicht schmecken, nicht atmen. Ich kann dich lieben aus der Ferne, dich verehren und dich anbeten. Aus der Ferne. Und manchmal fühle ich mich dabei wie in einem Museum. Ich bin der Betrachter eines Bildes. Eines Bildes, dass ich liebe. Ich sehe es mir an, aus der Ferne, darf es nicht berühren, nicht liebkosen und nicht streicheln. Ich darf die Klänge hören und die Farben in ihrer Vielfalt bewundern, aber ich stehe abseits. Weit weg, irgendwie. Dein Lachen kann ich hören, es glänzt mal golden gelb und manchmal auch quietschegrün. Ich kann deine Worte hören. Rot, blau, grau, schwarz und weiss. Ich kann sie hören und mich freuen. Ich kann sie hören und dabei heimlich, still und leise meine Tränen trocknen. Ich kann alles sein, was ich bin, während ich dir meine Stimme schenke. Du kannst alles sein, was du willst, während du das Gleiche tust. Traurig, glücklich, friedlich, wütend. Du oder wer auch immer, sogar ich, kannst du sein, wenn du willst. Deine Stimme habe ich, aber dich habe ich nicht. Und wenn ich dann auflege und meine weissen Wände anstarre und mich frage: Warum? Dann bleibt alles um mich herum einfach nur schweigend und stumm.

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8 Gedanken zu “Die Stimme

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