Die Nacht war kühl. Ja, in diesem Jahr sind die Sommernächte häufig unbehaglicher als im letzten Jahr. Wir saßen auf dem Bürgersteig. Die Straße war ruhig. Abends, nach neunzehn Uhr ist die Straße immer ruhig. Darauf ist Verlass! Eine Flasche Rotwein, Plastikbecher und eine geteilte Pizza zwischen uns. Uns gegenüber mein Wohnblock. Mein Zuhause, wie man so will. Mittlerweile Jahre, Monate, Tage, die vorbeizogen. In denen ich täglich dies und das dort drinnen machte oder eben nicht machte. In denen ich lachte und glücklich war. In denen ich litt und die Welt verfluchte. In denen ich ICH sein dürfte, aber auch jemand ganz anderes, wenn ich wollte. Momente voller Freude, Momente voller Leid. Alles das habe ich vor meinem inneren Auge. Erinnerungen, an damals, an gestern, an den bereits vergangenen Mittag. So viele Augenblicke, die nun Vergangenheit sind. Die Gegenwart ist nur ein Hauch. Da, aber nicht greifbar und sogleich schon wieder Vergangenheit.

Mein Block, mein Heim, meine Zuflucht. Zumindest gehöre ich da hin. Es wohnen gar nicht so viele Parteien darin, aber ich mag sie alle, mal mehr, mal weniger. Im ersten Stock saßen Herr Kura und ein, ich nehme an Freund, biertrinkend auf dem Balkon und spielten Schach. Ich habe oft schon mit ihm gespielt, aber nie gewonnen. Als ich klein war, hat mein Opa sich die größte Mühe gegeben mir das Schachspielen beizubringen. Es hielt das Spiel für kultiviert.

Im zweiten Stock sass Tess rauchend auf ihrer Fensterbank und winkte uns zu. Wir kennen uns seit Jahren. Ich kannte sie schon bevor ich dort einzog. Die besten Parties habe ich mit ihr erlebt. Ihre Wäsche vom Mittag schien getrocknet und flatterte nun auf der Wäscheleine im Wind.

Im dritten Stock gedämpftes Licht. Joran saß sicher wieder über seinen Lernbüchern. Die alte Strebernase:-)

Im vierten Stock nur dunkle Fenster, aber auf dem Balkon stand die verräterische Holzskulptur. Ich habe es zwar nicht gesehen, aber ich bin mir sicher, dass der werte Künstler wie immer mit Hammer und Meißel den ganzen Tag, auch in der prallen Sonne, an ihr gearbeitet hat. Etwas Erholung und Ruhe sei ihm doch nun gegönnt. Das alles beschrieb ich dir so genau. Kein Detail ließ ich aus. Du solltest alles wissen, was ich weiss. Doch was du wissen wolltest, war etwas anderes. Ich erinnere mich an deinen neugierigen Blick, als du mich fragtest, wo ich denn nun wohne. Wo mein Zentrum ist. Fast schüchtern zeigte ich mit meinen Finger auf den fünften Stock. Das Dachgeschoss. Ich wollte nicht hinsehen und doch sah ich, was du sahst. Finstere, verschlossene Fenster und ein leerer Balkon. Zuhause, Heim, Zuflucht. Es wirkte eher tot. Eher so, als würde dort niemand leben. Vielleicht hausen und zum Vegetieren war es sicher auch geeignet, aber das Leben fand wohl woanders statt. Warum ich anfing zu weinen, weiss ich, weil es war ist. Dort ist alles voller Erinnerungen, eben. Überall sehe ich ihn. Überall rieche ich ihn. Er ist allgegenwärtig in meinen vier Wänden. Er hat sie in Beschlag genommen. Er hat sie mir entrissen. Ich bin heimatlos. Es dauert wohl noch eine Weile meinen Platz zu finden. Es dauert wohl noch eine Weile mich daran zu gewöhnen, dass er weg ist. Es dauert wohl etwas länger als geplant mir meinen Besitz wieder zurückzuerobern, mich daran zu gewöhnen, an eine Welt ohne S.

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6 Gedanken zu “Etwas mehr Zeit…

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