Zwei Wochen waren mittlerweile vergangen, seit sie mich entlassen haben. Seit ich nicht mehr durch die Gänge mit den weissen Wänden schlendere. Seit ich in ihren Augen anscheinend nicht mehr gefährdet bin und nicht mehr so aussehe, als würde mich der nächste Windstoß in ein fremdes Land mitnehmen. Meine ganz persönliche Regeneration begann aber erst, seit ich wieder hier bin. Seit ich wieder da bin, wo alles angefangen hat. Da ich aber nicht bereit war mit den Schatten der Vergangenheit zu kämpfen, sondern eher dazu geneigt war vor ihnen zu fliehen, beschloss ich einfach in die nächste freie Wohnung zu ziehen, die ich finden konnte. Um wenigstens ein wenig Abstand von allem zu erlangen. Ich traute es mir einfach nicht zu, dass ich standhaft bliebe, falls ich Spuren der vergangenen Zeit entdeckte. Diese kleine Mietwohnung außerhalb der Stadt, schien ganz passend zu sein, um sich wieder in das normale Leben einzugliedern, welches die Meisten so vorbildlich führen. Zwei Zimmer, Küche, Minibad. Was brauchte ich denn mehr? Rein gar nichts! Deshalb ging alles ziemlich schnell und ich konnte schon gleich nach dem Unterschreiben des Mietvertrages einziehen. Und tatsächlich dachte ich wirklich, dass ich hier in meinen neuen, eigenen, vier Wänden sicher war. Sicher vor meiner Vergangenheit. Das dachte ich. Aber wie schon sooft, irrte ich mich da gewaltig.

Ich hängte gerade selbstverfasste Gedichte an meine noch kahlen, frisch gestrichenen Wände meiner neuen Heimat. Seit einer Woche mein neues Zuhause. Das Klingeln an der Haustür erschreckte mich zutiefst. Draußen tobte ein Unwetter, dass schon seit Tagen prophezeit wurde. Die Standuhr in meinem Flur zeigte mir rücksichtslos, die mir so verhasste Mitternacht. Vielleicht hätte ich doch zuerst durch den Spion schauen sollen. Vielleicht wäre mir dann das Kommende erspart geblieben. Vielleicht hätte ich es auch ignorieren sollen, mich einfach taub stellen sollen. Aber ich tat nichts dergleichen. Fast schon ein wenig zu mutig, öffnete ich die Tür. Vom peitschenden Regen, bis auf die Knochen durchnässt, stand er da. Wie der bekannte Mann mit der Sense, der mich einfach mitnehmen möchte, weil meine Zeit gekommen war. Und ja, meine Zeit war gekommen. Es war Zeit sich der Vergangenheit zu stellen.

Das dunkelblonde Haar, dass er kinnlang trug, klebte in einzelnen Strähnen in seinem vernarbten Gesicht. Ich erinnerte mich an damals, an seinen Motorradunfall. Daher stammte die große Narbe auf seiner linken Wange. Jeden Tag besuchte ich ihn im Krankenhaus und er gelobte mir damals hoch und heilig, dass er niemals mehr so unvorsichtig sein würde. Seine blauen Augen blickten streng aus der Höhe zu mir herunter. Ohne zu fragen, trat er einfach ein und schloss die Türe. In meinem Flur und zu unseren Füßen bildete sich eine Pfütze. Stillschweigend betrachtete er mich, wie ich ein wenig irritiert hoch in seine mir bekannten und vertrauten Augen blickte. Wie oft sah ich mein Spiegelbild in diesem Blau? Wie oft war ich froh genau dieses Blau zu sehen? Jetzt empfand ich es eher als lästig mich darin zu spiegeln. Ich konnte sehen, was er sah. Ein weisses Unterhemd unter welchem ein BH fehlte. Eine zerrissene, viel zu weite Bluejeans, die meine Hüften umspielte. Er merkte sofort, dass ich erneut abgenommen hatte. Er sah es deutlich an den wieder knochig gewordenen Schultern. Barfuss, mit den rot lackierten Zehennägeln, stand ich vor ihm, wie das kleine Mädchen vor dem Vater. Seine nasse Kleidung trocknete sich auf meinem Fußboden aus. Seine schweren, schwarzen Stiefel quietschten bei jedem Schritt, den er machte, um mir in mein zigarettenrauch-verräuchertes Wohnzimmer zu folgen. Nass setzte er sich auf meine neue, rote Samtcouch und blickte mich an. Er sättigte sich an meinem Anblick. Immernoch kein Wort aus seinem Munde. Ich setzte mich vor seine bestiefelten Füße nieder. Das fand er schon immer großartig, wenn Frauen ihm zu Füßen lagen. Er beugte sich zu mir hinunter und küsste sanft und fast flüchtig meine Stirn. Lehnte sich wieder zurück und tötete das beißende Schweigen. Er sagte mir, dass er mich liebt, noch immer. Dass er einfach nicht von mir loskommt, seit ich ihn damals vor vier Monaten verlassen habe, um mich, um mich zu kümmern. Ich weiss, es war ein warmer, sonniger Maitag. Und wieder lachte mir die Vergangenheit so schonungslos ins Gesicht. Aber dieses Mal war ich bereit. Ja, ich war wirklich bereit den Kampf mit ihr aufzunehmen. Niemals mehr sollte es so werden, wie es war. Und ich weiss gar nicht, ob ich die Zeit mit ihm meinte oder aber die Zeit mit der Waage und den Kalorientabellen. Aber ich wusste, dass ich das nicht mehr wollte.

Ich stand auf und blickte lächelnd zu ihm herunter. Beugte mich zu ihm und küsste seinen Mund. Beugte mich ganz langsam wieder zurück in die Höhe und ergriff dabei seine zitternde Hand. Ich zog ihn nach oben in meine Richtung. Ich begann zu gehen und ihn an der Hand hinter mir herzuziehen. Er folgte mir wie ein gut erzogener Hund seinem Herrchen. Ich lief zielorientiert zum Ausgang, öffnete die schwere Eichentür mit einem vorsichtigen Blick nach draußen. Langsam, fast schleichend ging ich mit ihm hinaus in die dunkle Nacht. Der Regen schien stärker geworden zu sein. Noch einmal blickte ich ihn an, ließ seine Hand los und ging schweigend und alleine in meine Wohnung zurück. Lies ihn buchstäblich im Regen stehen. Von innen verschloss ich meine Wohnung wieder. Ich denke, er konnte den sich drehenden Schlüssel im Schlüsselloch hören. Falls nicht, konnte er es sich aber sicher denken. Dieses Mal schaute ich durch das Guckloch und sah ihn, wie er auf die Tür starrte, während unzählige Eimer von Wasser auf sein Haupt niedergingen. So verharrte er in dieser Position fast zwei Stunden, bevor er ging. Ihm wurde klar, dass es sinnlos war es zu versuchen, dass ich jemand Neuen gefunden hatte, den ich liebte: Mich selbst. So ging er weg von meiner Tür und aus meinem Leben. Da wurde mir klar, dass die Vergangenheit keine Chance hatte gegen den Kampf mit mir. Und während ich mich um halb vier Uhr am Morgen selbst zu einem Essen einlud, mir fiel ein, dass ich das die letzte Zeit nicht so häufig gemacht hatte und ich hatte es doch wirklich verdient, dass ich mich liebevoll behandelte, dass ich mich um mich kümmerte, dass ich mich um mich bemühte, musste ich lächeln. Der Sturm ebbte ab und der Himmel begann sich wieder zu klären.

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2 Gedanken zu “Kampfansage

  1. Schön, wenn ich dir damit etwas Mut geben konnte:-) Das freut mich gerade sehr:-) Ja, eine Beziehung zu führen und sich selbst dabei nicht zu vergessen ist manchmal eine echte Herausforderung. Der Fokus sollte aber stets darauf liegen, dass man mit sich und in der Beziehung glücklich ist. Nur so kann das funktionieren.
    Liebstens
    Mia

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