Kurz vor der mitternächtlichen Stunde saß sie in ihrer Wohnung unterm Dach. Die geöffneten Fenster sollten etwas die Hitze des Tages mildern. Der heiße und sonnige Julitag verwandelten die Wohnung schon vor Stunden in einen Kesselofen und die Hitze, sich ganz heimisch fühlend zwischen den Wänden des Dachgeschoss Appartements, wollte einfach nicht weichen.

Nicht mehr, als die rote Unterwäsche, trug sie am Leibe. Dennoch lag eine wässrige, glänzende Schicht Schweiss auf ihrer Haut. Sie hätte gerne nochmal das Klavier gespielt, aber nach Einbruch der Dunkelheit war dieses Unterfangen, zu Gunsten der Nachbarn, nicht gestattet. Sie musste sich um diese Uhrzeit notgedrungen mit ein wenig Hintergrundmusik von Chopin aus der Stereoanlage begnügen. Die Anlage auf eine niedrige Lautstärke gedreht, lauschte sie den Klängen der Musik. Ein unbekannter Klavierspieler spielte für sie, Taste um Taste, ihr Lieblingsstück. Erschöpft vom tage und schwitzend, setzte sie sich auf den Holzboden und zündete sich eine Zigarette an. Die noch volle und ungeöffnete Flasche Rotwein stand einsam auf dem Glastisch in der Mitte des Raums. Eigentlich hatte sie diese heute Mittag noch schnell im Supermarkt in der Innenstadt für sich und für den Abend gekauft. Sie stand sogar geduldig zehn Minuten in der Schlange an der Kasse dafür an. Jetzt, ein paar Stunden später, war die Lust darauf verflogen.

Faszinierend wie schnell sich Dinge manchmal doch ändern, dachte sie im Stillen.

Sie wollte sich gerade die nächste Zigarette anzünden, als sie den schrillen Ton ihres Handys vernahm. Irritiert blickte sie umher. Versuchte mehr mit ihren Blicken, als mit ihren Ohren zu orten, wo es lag.

Diese Uhrzeit ist nicht geeignet für einen Anruf!

Wer ist das?

Wo ist das verflixte Handy?

Die Gedanken in ihrem Kopf übersprangen einander. Sie sprang vom Boden auf und eilte zu ihrem Bett. Weder ihre Ohren, noch ihre Augen hatten wesentlich zu ihrer Suche beigetragen. Einzig ihr Gedächtnis. Das letzte Telefonat war zwar schon ein paar Stunden her, aber sie hatte es aus ihrem Bett heraus getätigt. Sie tat das gerne, wenn sie mit ihrer Mutter telefonierte. Sie konnte dann den Kopf aufs Kopfkissen legen und mit einer Hand das Telefon ans Ohr halten und den langen Monologen ihrer Mutter lauschen und dabei ein wenig ruhen. Jetzt fiel es ihr auch wieder ein. Sie hatte ihrer Mutter versprochen heute Abend nicht zu trinken. Das Versprechen hatte sie eingehalten., auch wenn der Ursprungsplan ein anderer gewesen ist und das gegebene Versprechen nur eine Lüge war. So ist das eben oft mit Versprechungen und so schnell können sich Dinge eben ändern. Das war nun schon der zweite Gedanken in diese Richtung am heutigen Abend. Anscheinend haftet dieser Theorie ein großer Wahrheitsgehalt an.

Wohl im rechten und letzten Moment erreichte sie ihr Handy.

Hallo? Ihre Stimme klang gehetzt.

Hallo, ich bins! Bist du zuhause und hast Zeit? Ich würde dich gerne sehen und ich habe etwas für dich! Seine Stimme, die am Telefon noch tiefer klang als für gewöhnlich, ließ sie lächeln.

Gut, dass sie tatsächlich nicht getrunken hatte heute Abend, dachte sie bei sich.

Du hast ein Geschenk für mich? Die Begeisterung in ihrer Stimme konnte sie nicht unterdrücken.

Ja, hast du nun Zeit oder nicht? Du kennst doch die Mauer in der Stadt? Du weisst schon die, die sie da vor ein paar Jahren zu Ehren von XY ins Nirgendwo gebaut haben. Meinst du, du schaffst das in einer halben Stunde dahin? Er klang fröhlich, fast schon überschwenglich.

Die Mauer zum Andenken an den Bürgermeister, der der Stadt soviel Gutes getan hat und dann eines Nachts von einem betrunkenen Autofahrer erfasst wurde und verstarb? Trotz der tragischen Geschichte musste sie lachen. Ja, die kenne ich und in einer halben Stunde kriege ich das sicher hin.

Ohne ein Wort zum Abschied legte er auf. Viele Worte waren noch nie seine Sache gewesen, ging es ihr durch den Kopf.

Schnell sprintete sie ins Badezimmer. Die Jeans und das weisse Tanktop lagen noch auf dem Boden. Hier hatte sie sich, nach ihren mittäglichen Pflichten in der Stadt, ausgezogen. Sie schlüpfte in die Jeans, zog sich das Tanktop über den Kopf und blickte in den Spiegel. Das Haar war etwas zerzaust und die schwarze Mascara, durch Schweiss und die Hitze des Tages und der Nacht, etwas verwischt. Sie griff nach der Haarbürste, brüstete sich das Haar und versuchte anschließend mit ein paar Wattestäbchen die dunklen Schattenflecken um ihre Augen herum zu beseitigen.. Nochmal ein kurzer, prüfender Blick in die vielen Schichten aus Glas und schon stand sie an der Tür und band sich die Turnschuhe zu. Sie zog den Schlüssel aus dem Schloss und eilte los. Die Mauer war nur ein paar Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Gerade mal genug Zeit für eine Zigarettenlänge. Wie gerne hätte sie jetzt eine geraucht, aber in der Eile hatte sie das Päckchen samt Feuerzeug vergessen. Beides lag seelenruhig auf dem Holzboden in ihrer Wohnung.

Sie sah ihn schon von Weitem. Da stand er. Ebenfalls in Jeans und Turnschuhen. Das rote T-shirt passte gut zu seinem blonden Haar.

Er sieht so gut aus! Sie hatte den Gedanken noch kaum zu ende gedacht, da drehte er sich auch schon um, erblickte sie und winkte lächelnd. Strahlend ging sie auf ihn zu, umarmte ihn und atmete seinen Geruch ein. Etwas Zigarettenrauch, etwas Motoröl und ganz viel von ihm.

Es ist mitten in der Nacht! Was ist also so wichtig, dass es nicht bis morgen warten kann, fragte sie fordernd.

Er grinste: Mach die Augen zu!

Sie tat, was er gefordert hatte. Fühlte plötzlich seine beiden Hände auf ihren Schultern, die ihren Körper nach links drehten.

Bist du bereit? fragte er aufgeregt.

Bin ich! Sagte sie voller Vorfreude.

Mach die Augen jetzt auf. Er konnte ein leises Kichern nicht zurückhalten.

Ihr Kopf hatte im Vorfeld viel Zeit gehabt sich auszumalen, was kommen könnte, doch was tatsächlich kam, überraschte sie doch sehr. Ein schwarz-weisses Graffiti, nicht gerade schön, aber auch nicht häßlich mit den Worten NIC LIEBT SUE starrte sie an.

Was sagst du? Das ist mein ganz persönlicher Liebesschwur nur für dich. Mega, was? Jetzt bist du baff, hä? Er war begeistert. Das habe ich heute Abend für dich gemacht. Jetzt kannst du nicht mehr sagen, dass ich mir keine Mühe gebe und den ganzen Kram, den du immer meinst. Er war sich sicher. So sicher wie das Graffiti die Wand verzierte. Sie sah diese Wand so deutlich vor sich. Sie sah das Graffiti darauf so deutlich vor sich. Wenn es niemanden stören würde, würde es dort vielleicht sogar ewig als Liebesschwur auf dieser Wand stehen. Zwar nur ganz langsam, aber dann plötzlich und mit voller Wucht, wurde ihr das Ausmaß seiner Tat bewusst.

Sie blickte ihn an: Wow und jetzt? Sie wollte ihm irgendwas entlocken, irgendwas, was ihr Inneres beruhigen würde, aber er war nur beeindruckt von seinem Kunstwerk, hauchte ihr schnell einen Kuss auf die Stirn und sagte freudestrahlend: Jetzt gehen wir zu dir! Ich hoffe du hast was Essbares im Kühlschrank. Ich habe echt nen Riesenhunger.

Da sah sie es ganz deutlich vor sich. So deutlich wie sie ihn vor sich sah. Ewig würde es auf der Wand in schwarz-weissem Graffiti doch heissen: NIC LIEBT SUE. Leider würde es das doch nur auf dieser Wand so stehen. Nur zwei Namen und ein Wort ohne Bedeutung.

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2 Gedanken zu “Der Liebesschwur

  1. Das Ende erzeugt (meiner Ansicht nach) in doppelter Hinsicht einen trauriges Gefühl: es vermisst die eigentliche Romantik in der Tat (… zu Dir etwas essen …) und in Deiner Endung: Wort ohne Bedeutung… –> Melancholie
    (kleines Feedback, wenn’s Dir recht ist 🙂 LG)

    Gefällt 1 Person

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